Das Molekül: Im Einsatz für die Doppelhelix

Foto: Theater Bielefeld
Foto: Theater Bielefeld

Kunst und Wissenschaft.

Musik und Biologie.

Musical und Gentechnologie.

Wie sollen diese Paarungen zusammenpassen? Wer Forschung liebt, tummelt sich an der Universität. Wer Unterhaltung sucht, geht ins Theater.

Heißer Tipp: Theater Bielefeld. Denn hier hat William Ward Murta mit dem Stück „Das Molekül“ ein Doppelhelix-Werk erschaffen, und es unter anderem aufgeführt in der Vorstellung am 18. Juni 2017 (mit Lucy Scherer). Kunst rankt sich um Wissenschaft, und ein Musical um die Entschlüsselung der DNA.

 

Foto: Bettina Stöß
Foto: Bettina Stöß

Menschliches Erbgut? Moleküle, Atome, Basenpaare und chemische Verbindungen – welch komplexer Stoff für Nicht-Wissenschaftler! Das begreift auch Institutsleiter Craig Venter (Thomas Klotz), der an einem Rednerpult die Vorstellung wie eine Fachtagung eröffnet. Was nützt sein brillanter Vortrag, wenn im Publikum nur Laien sitzen und seinen Ausführungen nicht folgen können? Also gibt er einen Crashkurs in Sachen biologischer Vererbungslehre. Ab da laufen zwei Handlungsstränge parallel durch das gesamte Stück und kreisen immerzu geschmeidig umeinander wie eine Doppelhelix.

 

In den 1950er Jahren widmen sich gleich mehrere Forschungsgruppen der Entschlüsselung des DNA-Moleküls. Wer den Durchbruch schafft, wird mit dem Nobelpreis geadelt. Im Team aus James D. Watson (Carlos H. Rivas) und Francis Crick (Veit Schäfermeier) wird einträchtig geforscht und Wissen geteilt, motivierend unterstützt von Crick’s Frau Odile (Carolin Soyka). Am King‘s College fliegen dagegen im Labor die Fetzen. Immer wieder geraten Rosalind Franklin (Lucy Scherer) und Maurice Wilkins (Alexander Franzen) aneinander. Wissenschaft ist eine Männerdomäne. Als Frau wird Rosalind von ihrem Kollegen nicht für voll genommen. Dabei ist ihr Verstand dem der Herren oft deutlich überlegen.

 

Unbeirrt forscht Rosalind weiter und macht auf einem ihrer Bilder die alles entscheidende Entdeckung: Foto 51 enthüllt endlich die wahre Seele des DNA-Moleküls. Die Aufnahme teilt Wilkins jedoch hinter ihrem Rücken mit der Konkurrenz. Das Forscherteam an der Cambridge Universität ist nun in der Lage, das Molekül als Modell darzustellen – in Form einer Doppelhelix. Jahre später reisen Watson, Crick und Wilkins nach Stockholm, um für ihre Leistung den Nobelpreis abzuholen. Nur Watson plagt das schlechte Gewissen und er denkt an die mittlerweile verstorbene Rosalind, die ihm in einer Vision erscheint.

 

Doch so läuft es in der Welt der Wissenschaft: Einer forscht und erklimmt einen Berg, bis ihm der Nächste folgt und gestützt auf seinen Rücken noch mehr entdeckt am Horizont. Auf die DNA folgt die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Um dieses Vorhaben dreht sich der zweite Handlungsstrang des Stücks in den 1990er Jahren. Erneut konkurrieren Wissenschaftler. Staatliche Einrichtungen liefern sich einen Wettstreit mit privaten Forschungsfirmen. Als am Ende auch die drei Milliarden Basenpaare entschlüsselt sind, stellt sich bei vielen Zuschauern wohl die Frage: In welche Richtung geht der Fortschritt weiter?

 

Dies ist nur eine von vielen Fragen, denen das Stück „Das Molekül“ nachspürt. Was ist der Mensch? Ab wann und wo stößt Forschereifer an ethische Grenzen? Kann es für Menschen überhaupt Grenzen geben, wenn doch der Drang nach immer mehr Wissen ein Merkmal der menschlichen Natur ist? Komplexe Kiste, und doch kommt Comedy auf der Bühne nicht zu kurz. Spritzige Dialoge und wahre Zungenbrecher sorgen für Lacher. Allein die Vielzahl an Fachwörtern macht das Geschehen durchgängig amüsant. Kleine Kostprobe? Desoxyribonukleinsäure. Polymerasekettenreaktionsanalysegerät. Nicht nur textlich wird den Darstellern Enormes abverlangt. Unterstützt vom Bielefelder Opernchor tragen lediglich sechs Personen das gesamte Geschehen, permanent wechselnd zwischen zehn Hauptrollen und 14 Nebenrollen. Wie blitzschnell immer wieder Kittel und Kostüme getauscht werden, ist mehr als beeindruckend.

 

In der Inszenierung steckt viel Herzblut. „Das Molekül“ ist eine Auftragsproduktion des Theaters Bielefeld und feierte dort am 19. Mai 2017 seine Uraufführung. William Ward Murta hat den Darstellern die Rollen gewissermaßen auf den Leib geschrieben. Zur Original-Besetzung gehört Roberta Valentini, jedoch war sie an einem Termin verhindert wegen der Musical-Premiere „Shrek“ in Tecklenburg. So ging ihr Part für eine Vorstellung an Lucy Scherer. Kein leichtes Erbe, und zugleich ein Mega-Job für einen Springer, der sich die Rollen in Eigenarbeit draufschafft und ohne längere Probe direkt ins kalte Wasser springt am Show-Tag vor Publikum. Eine krasse Leistung an sich, und mit Lucy hat das Theater Bielefeld zugleich den perfekten Ersatz gefunden.

 

Spielend meisterte sie Textpensum, Zungenbrecher und Outfitwechsel. Mit tiefer, selbstbewusster Stimme verkörperte sie Rosalind – DIE Entdeckerin der DNA – als zielstrebige Wissenschaftlerin und emanzipierte Frau, die ihren Kollegen die Stirn bot. In einem starken Solo über Foto 51 ließ sie die Zuschauer spüren, wie viel Hingabe Rosalind in ihre Forschung steckt und wie frustrierend hart zugleich der Alltag ist für eine Frau in einer Männerwelt. Als Claire Fraser in den 90ern schlüpfte Lucy ins gelbe Kleid und damit in die Rolle der Sekretärin von Craig Venter – bestens organisiert, und eigentlich war sie die wahre (heimliche) Chefin des Institus. Immer wieder sorgte sie für wunderbar pointierte Situationskomik mit markanter Brille und in quirliger Tonlage. Diese Vorstellung war ein Highlight und zugleich ein einmaliges Erlebnis für Lucy-Fans (leider).

 

Was bleibt als Fazit? „Das Molekül“ bereitet sperrige Uni-Kost gelungen auf als Mix aus Ernst und Comedy, mit einem spannenden Bühnenbild, beschwingten Songs, einem hervorragend aufspielenden Orchester und mit starken Darstellern, die sich den Applaus nach der Hardcore-Leistung mehr als verdienen. Polymerasekettenreaktionsanalysegerät. Nur zur Erinnerung …

 

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