Große Gefühle, Poesie und tragische Helden: CYRANO in Bielefeld

Verbünden sich für Roxane: Christian (Fabio Diso) und Cyrano (Veit Schäfermeier) © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Verbünden sich für Roxane: Christian (Fabio Diso) und Cyrano (Veit Schäfermeier) © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

Cyrano de Bergerac … Ach, war das nicht der dichtende Degenfechter mit großer Nase? Genau. Seine Geschichte ist ein Klassiker, jedoch überwiegend auf der Theaterbühne. Die bislang eher unbekannte Musicalfassung von Ad und Koen van Dijk zeigt das Theater Bielefeld in der aktuellen Spielzeit 2015/16. Mit von der Partie ist Lucy Scherer als begehrte Roxane. In diesem Artikel lassen wir die Premiere vom 6. September 2015 Revue passieren.

 JuH

Magic Moment © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Magic Moment © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

Das Theater startet mit einer Oper. Euphorisch schmettert das Ensemble ‚Opera, Opera‘ und betritt von beiden Seiten den Zuschauerraum, um gemeinsam mit dem Publikum dem Sänger Montfleury (Vladimir Lortkipanidze) zu lauschen. Sein herrlich überzogener Auftritt, inklusive Opening auf einer Schaukel, wird jäh von Cyrano (Veit Schäfermeier) gestoppt. Für ihn ist das dilettantische Gejaule ein Graus. Dabei kann er es nicht ertragen, wie alle Welt um seine reizende Cousine Roxane (Lucy Scherer) buhlt, in die er selbst unsterblich verliebt ist. Doch hätte er überhaupt eine Chance bei ihr, mit einem nicht zu verbergenden Makel, seiner großen Nase?

 

Roxane erlebt an diesem Opernabend einen Magic Moment. Ein Blick in die schönen Augen von Christian de Neuvillette (Fabio Diso) verändert für sie alles. Der junge Kadett erwidert ihre Gefühle. Leider wünscht Roxane als Zeichen seiner aufrichtigen Absichten einen Brief voll werbender Worte. Christian verzweifelt. Nur weil er Roxane liebt, mutiert er nicht automatisch zum Shakespeare. Cyrano dagegen beherrscht die Dichtkunst exzellent, allerdings ist er bei seiner Herzdame nun gefühlt aus dem Rennen. Um wenigstens Roxane zum Glück zu verhelfen, verbündet er sich mit Christian und verfasst für ihn die romantischen Zeilen. Ein Pakt mit langfristigen Folgen und kurzfristigem Erfolg. Roxane ist von dem Brief restlos verzückt.

 

Ein nächtliches Date unter ihrem Balkon steht an. Christian säuselt wie Romeo unten, Roxane schmachtet wie Julia oben – soweit die romantische Vision. Umgeben von hohen Hecken gehen Christian allerdings schnell die Reime aus und er ruft überfordert Cyrano zu Hilfe. Unerkannt als Schatten singt sich dieser direkt in Roxanes Herz. Welch zauberhafter Moment im Mondlicht – mit bitterem Nachgeschmack für Cyrano, der zusehen muss, wie Roxane und Christian knutschend auf dem Balkon ihre Beziehung besiegeln. Noch ein weiterer Mann ist not amused – General de Guiche (Alexander Franzen), der ebenfalls hinter Roxane her ist. Also kommandiert er das Regiment samt seiner Nebenbuhler ab ins Kriegsgeschehen. Heroisch marschieren die Kadetten los, flankiert beim Abschied von wehklagenden Damen. Ein musikalisch und optisch starker Abschluss der ersten Stückhälfte!

Erst Krieg und dann kein Frieden

Roxane / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Roxane / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

Was das Militär an der Front erwartet, enthüllt nach der Pause der zweite Akt. Eingekesselt vom Gegner fristen die Kadetten hungernd ihr Dasein im Lager, während Cyrano weiterhin Briefe in Christians Namen verschickt. Vor der entscheidenden Schlacht taucht überraschend Roxane auf. Getrieben von Sehnsucht ist sie in tarnender Männerkleidung direkt ins Kriegsgebiet gereist. Im Gepäck hat sie neben Lebensmitteln auch ein Geständnis für Christian. Sie liebt ihn mehr denn je – jedoch nicht mehr töricht wegen seiner Optik, sondern allein wegen seines schönen Wesens, das sich in den Briefen spiegelt. Touchée. Aufgebracht fordert Christian von Cyrano, dass dieser endlich die Situation aufklärt. Möge Roxane dann selbst entscheiden, wer ihre wahre Liebe ist. Dazu kommt es nicht. Jetzt nicht. Nie. Christian stirbt in der Schlacht. Trauernd hütet Roxane fortan den letzten Brief als sein Vermächtnis. Und Cyrano bringt es nicht fertig, ihr das Andenken an ihren vermeintlichen Mr. Perfect zu zerstören. Die Wahrheit erfährt Roxane erst viele Jahre später, als Cyrano verwundet bei ihr auftaucht, im Fieberwahn die Lüge enttarnt und vor ihren Augen – stirbt. Aus.

 

Ein harter Brocken, den das Publikum bei fallendem Vorhang verdauen muss. Kein Happy End, kein versöhnlicher Abschluss. Bleibt die Frage, wen man am meisten bedauern soll in diesem Trio. Christian, der in dem Wissen stirbt, dass seine Herzdame ihn nur wegen der Dichtkunst eines anderen geliebt hat. Roxane, die trauernd und stickend ihr Dasein im Kloster verplempert, um am Ende zu realisieren, dass sie den falschen Mann beweihräuchert hat und alle geliebten Menschen sie jahrelang belogen haben. Oder Cyrano … Mutig in jedem Duell und in jeder Schlacht, jedoch entsetzlich feige im Kampf um die Dame seines Herzens. Wäre das letzte Wort aus seinem sterbenden Mund doch nur „Roxane!“ gewesen. Stattdessen ruft er „Mein Panasch!“, sein Federbusch am Hut, ein Zeichen von Mut und Ehre – und zugleich ein Symbol seines Scheiterns. In Sachen Liebe, wo er wirklich Mut hätte beweisen müssen, hat er auf ganzer Linie versagt. Tragisch. Und das alles wegen einer großen Nase. Tragisch, tragisch, tragisch. So ist eben der Stoff des Stücks, das bei seiner Premiere mit Standing Ovation geehrt wird.

 

Modern samt altem Kern

Cyrano / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Cyrano / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

Gründe für den minutenlangen Applaus gibt es viele. Die Bielefelder Inszenierung schafft den Spagat, die historische Cyrano-Geschichte gemäß ihrer Zeit und dennoch modern zu präsentieren. Die ansprechenden Kostüme und stilvollen Roben beamen den Zuschauer von Beginn an in eine andere Epoche. Das Bühnenbild besticht dagegen schlicht – effektvoll, minimalistisch und atmosphärisch zugleich. Ein wiederkehrendes Element sind zwei gegenläufige Treppen auf einer Drehbühne. Sie sind die Plattform für Duette, in denen Figuren singend um sich selbst und zugleich umeinander kreisen. Dabei wandelt sich das Setting mit wenigen Mitteln von einer Bäckerei zur Frontlinie hin zum Kloster. Lichtprojektionen im Off tauchen Szenen in unterschiedliche Farben und Stimmungen, etwa dramatisch ins Rot der untergehenden Sonne beim letzten Gefecht. Indem die Darsteller auch den Bereich zwischen Orchestergraben und erster Reihe für ihr Spiel nutzen, entsteht zusätzliche Intimität mit dem Publikum. Die Fechtszenen wirken etwas steif und überchoreografiert, trotzdem lockern sie das Bühnengeschehen kurzweilig auf.


Wer musikalisch eher Mainstream-Musical-Kost gewohnt ist, wird nach einer CYRANO-Vorstellung wohl ohne Ohrwurm nach Hause gehen. Die meisten Lieder sind emotionsgeladen und bewegend, sehr aufwühlend im Moment des Geschehens, doch nach einmaligem Genuss schnell aus dem Sinn. Auch erfordert das Stück Konzentration. Reim reiht sich an Reim. Man lauscht gern den wohlklingenden Worten, nur wollen diese in solch geballter Fülle erst einmal verarbeitet werden. Umso mehr Respekt gebührt den Darstellern, die das hohe poetische Pensum dennoch geschmeidig vermitteln. Absolut sehenswert macht die Bielefelder Inszenierung ein überragender Veit Schäfermeier. Er stemmt die enorme Textmenge der Titelrolle scheinbar spielerisch und beeindruckt durchgängig souverän mit klarer, gefühlvoller Stimme. Glaubhaft mimt er sowohl den aufbrausenden, harschen Haudegen sowie den unglücklich Liebenden, der seine tiefen Gefühle sehnsuchtsvoll zu Papier bringt. Auch die anderen Darsteller verkörpern ihre Figuren überwiegend tadellos, wie etwa John Wesley Zielmann als Cyranos bester Freund Le Bret und Carlos Horatio Rivas als unterhaltsamer Zuckerbäcker Ragueneau.

Alle lieben Roxane

Im Stück ist Roxane die begehrteste Dame. Und gemessen am Schlussapplaus des Premierenpublikums ist Lucy Scherer die begehrteste Darstellerin. Sie meistert ihre Rolle bravourös. Von der schwärmerisch-verknallten Schönheit wandelt sie sich zur entschlossenen Herzdame von geradezu kämpferischem Format. Während im ersten Akt noch liebliche Duette im Vordergrund stehen, ist im zweiten Akt emotionaler Tiefgang angesagt. Stimmlich stark und hingebungsvoll lässt Lucy Scherer Roxanes Trauer um Christian auf die Zuschauer überschwappen.

 

Dass sie auch die Verantwortlichen der Bielefelder Inszenierung begeistert, zeigte sich auf der anschließenden After-Show-Party im Foyer. In einer Rede wurde allen Mitwirkenden einzeln gedankt, ins Besondere den Hauptrollen. Schön. Die rundum gelungene Premiere war definitiv ein Grund zum Feiern. Und als lohnender Grund für einen Trip nach Bielefeld erwies sich die Musical-Rarität CYRANO, die mit anspruchsvollem Theater-Touch, aufwühlenden Liedern und großartigen Darstellern bewegt.

 

Grand emotions, poetry and tragic heroes: CYRANO in Bielefeld

Cyrano de Bergerac…Oh wasn’t he that poetry-writing swordsman with the big nose? Exactly. His story is classic, but mainly on theatre stage. The so-far rather unknown musical adaption of Ad and Koen van Dijk is shown at the Theatre Bielefeld in the current season 2015/16. As coveted Roxane, Lucy Scherer is in on it. In this article we review the premiere of September 6th 2015.


Magic Moment © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Magic Moment © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

The Theatre starts with an opera. The ensemble belts full of euphoria the song ‘Opera, Opera’ as they enter the auditorium from both sides in order to, and together with the audience, listen to the singer Montfleury (Vladimir Lortkipanidze). His superb exaggerated appearance, including an opening on a swing, comes to an abrupt stop by Cyrano (Veit Schäfermeier). For him this dilettantish howling is a horror. What is more, he can’t bear how everyone tries to court his lovely cousin Roxane (Lucy Scherer), whom he’s madly in love with. But would he have a shot at her, with this conspicuous stigma, his big nose?

 

At this opera visit Roxane experiences a Magic Moment. One look into the beautiful eyes of Christian de Neuvillette (Fabio Diso) changes everything for her. The young cadet reciprocates her feelings. Unfortunately, Roxane wishes for a letter full of wooing words as a sign of his sincere intentions. Christian falls into despair. Just because he loves Roxane, doesn’t turn him automatically into Shakespeare. In contrast, Cyrano is a master of poetry, but to Roxanne, the queen of his heart, he’s perceived to be out of the running. To help provide Roxane’s bliss, Cyrano forms an alliance with Christian and composes romantic lines for him - a covenant with long-term consequences and short-term success. Roxane is completely enchanted by the letter.

 

A nocturnal date beneath the balcony is set. Christian purrs like Romeo below, Roxane suspires as Julia above – so much the romantic vision. Nevertheless, surrounded by high hedges, Christian quickly runs out of verses. Overwhelmed, he calls for Cyrano’s help. Unrecognized as a shade, Cyrano pierces Roxane to the heart with his song. What an enchanting moment in the moonlight – yet with a bitter taste for Cyrano, who stands aside as Roxane and Christian then seal their relationship, kissing on the balcony. An additional fellow is not amused, General de Guiche (Alexander Franzen), who also chases after Roxane. So he drafts the regiment, which includes his rivals, to the frontline. Heroically the cadets march on, flanked by wailing ladies to say farewell. Musically and visually a great finish of the first half!

First war and then no peace

Roxane / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Roxane / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

What awaits the military at the frontline is unveiled at the second half after the break. Surrounded by the enemy, the starving cadets scrape out a living in the camp, whereas Cyrano still sends letters in the name of Christian. Before the decisive battle, Roxane surprisingly appears. Propelled by yearning, she travelled directly to the war zone - concealed in men’s clothing. Besides food, she carries along a confession for Christian. She loves him more than ever – but is no longer silly just for his looks, but in the meantime, also for his beautiful mind, reflected in his letters. Touché. Upset, Christian demands that Cyrano clear up the situation. May Roxane decide on her own who her true love is. Yet that will not happen. Not now. Never. Christian dies in the battle. Mourning, Roxane keeps the last letter as his legacy. And Cyrano is not capable of destroying the memory of her presumed Mr. Perfect. Roxane doesn't learn the truth until many years later, as Cyrano emerges wounded, unmasking the lie in a feverish delirium and – before her eyes – dies. Over.

 

That’s a tough nut to crack for the audience as the curtain drops. No Happy Ending, no conciliating end. There arises the question with whom to commiserate the most in this trio. Christian, who dies with the knowledge, that the queen of his heart loved him only for another’s art of poetry. Roxane, wasting her life in a convent, mourning and embroidering, only to realize in the end that she adulated the wrong man and that all beloved people lied to her. Or Cyrano … courageous in every duel and in each battle, but terribly craven in the fight for the lady of his heart. If only the last words from his dying lips would have been “Roxane!”. Instead he exclaims “My Panache!”, his ornamental tuft on the helmet, a sign of courage and honor – and at the same time symbol of his failure. In the matter of love, where he really should have proven courageous, he failed miserably. Tragic. And all that because of a big nose. Tragic, Tragic, Tragic. That’s the subject of the play, which was honored with standing ovations at its premiere.

 

Modern with old gist

Cyrano / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de
Cyrano / © Paul Leclaire // paul@leclairefoto.de

There are many reasons for several minutes of applause. The Bielefeld production manages the balancing act of presenting the historical Cyrano- story in keeping with its era and yet at the same time modern. From the beginning, the appealing costumes and stylish robes beam the audience member into another epoch. In contrast, the stage scenery captivates with its simplicity – effective, minimalist and atmospheric all at once. A recurring element are two reverse stairs on a revolve stage. They are platform for duets in which the figures, while singing, orbit around themselves and around each other at the same time. At that, the setting changes with only a few resources from a bakery, to the front line of battle, and then back to a convent. Off-stage light projections bathe the scenery in different colors and moods, for instance, dramatically into the red of the setting sun at the last battle. By utilizing the area between the orchestra pit and the front row for their performance, the actors create additional intimacy with the audience. The fencing-scenes appear a bit stiff and over-choreographed; nevertheless, they provide an entertaining distraction and mellow the scene on the stage.

 

Anyone who is rather used to mainstream Musical-fare, will probably get home from a CYRANO-show without a catchy tune. Most of the songs are emotionally charged and touching, very stirring at the moment of incidence, but soon forgotten after a unique enjoyment. Also, the play requires concentration. Rhyme strings together with rhyme. You listen with pleasure to the melodious words, but at first they will be processed in that concentrated abundance. All the more the actors deserve respect, as they still convey the huge set task of lithesome poetry. The Bielefeld production is absolutely worth watching due to the outstanding Veit Schäfermeier. He copes with the enormous mass of text of the title role with apparent ease, and impresses consistently masterful with a clear and expressive voice. Convincingly he represents the quick-tempered swashbuckler as well as the unhappy lover, who yearningly commits his deep sentiments to paper. The other actors portray their figures predominantly flawless, for instance, John Wesley Zielmann as Cyranos' best friend Le Bret and Carlos Horatio Rivas as the entertaining confectioner Ragueneau.

Everyone loves Roxane

In the play, Roxane is the most coveted lady. And based on the final applause of the premiere audience, Lucy Scherer is the most coveted actress. She handles her role brilliantly. From the infatuated beauty, she changes into a resolute lover of almost combative stature. As in the first act charming duets are to the fore, while in act two emotional depth is indicated. Vocally powerful and devoted Lucy Scherer lets Roxane’s grief for Christian wash over the audience.

 

That she also excites those responsible for the Bielefeld production turned out in the following After-Show-Party in the foyer. In a speech, they gave individual thanks to the whole cast, especially to those in main roles. Nice. The all-around successful premiere was definitely a reason to celebrate. And the musical-rarity CYRANO proved to be a worthwhile reason for a trip to Bielefeld, affecting with ambitious theatre-touch, stirring songs and superb actors.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Kykky (Samstag, 19 September 2015 23:29)

    Thank you very much for this detailated recap of the show and the premiere! I loved reading this